Ist Unzufriedenheit ein Gefühl oder ein sachlicher Missstand?
Zugegeben – vielleicht eine etwas merkwürdige
Frage.
Doch wenn Führungskräfte von Unzufriedenheit sprechen, richtet sich der Blick meist zuerst auf das Außen. Die Aufgaben passen nicht mehr,
Entscheidungen ziehen sich, Gestaltungsspielräume fehlen oder die Kultur fühlt sich nicht mehr stimmig an. Und oft ist an all dem etwas dran. Organisationen können Menschen das Arbeiten unnötig
schwer machen.
Im Coaching entwickelt sich dann aus einer sehr konkreten Situation entwickelt nach und nach eine andere Frage. Nicht, weil das ursprüngliche
Sach-Problem plötzlich unwichtig wäre. Sondern weil sich zeigt, dass ähnliche Spannungen auch schon in früheren Rollen eine Rolle gespielt haben. Die äußeren Umstände waren andere – das Gefühl
erstaunlich vertraut.
Das sind die Momente, in denen ich besonders aufmerksam werde.
Denn von außen lässt sich kaum
beantworten, was gerade den größeren Anteil hat. Ist jemand an einem Ort, der schlicht nicht mehr passt? Oder stößt die aktuelle Situation auf ein Thema, das schon länger mit unterwegs
ist?
Die spannende Frage ist für mich: Woran reibt sich dieser Mensch – genau an diesem Ort und genau zu diesem Zeitpunkt?
Im Laufe eines Coachings verliert die Frage nach der eigentlichen Ursache dann doch oft an Bedeutung; denn bedeutsamer wird, wie der Mensch und seine Situation aufeinander
wirken.
Vielleicht beginnt Zufriedenheit deshalb an einer anderen Stelle.
Nicht dort, wo alle Schwierigkeiten verschwunden sind. Sondern
dort, wo das, was mir wichtig ist, mit dem, was ich täglich tue, wieder zusammenpasst. Wo sich die äußeren Bedingungen und das eigene Erleben nicht permanent widersprechen.
Ich merke in Coachings immer wieder, dass Menschen zufriedener werden, wenn etwas wieder „zusammenpasst“. Für diesen Moment gibt es in der humanistischen Psychologie den Begriff ➡️ Kongruenz.
Ich mag ihn, weil er so wenig Perfektion verlangt. Es geht nicht darum, dass alles stimmt. Es geht darum, dass das
Eigene und das Äußere nicht ständig gegeneinander arbeiten.
Das ist für mich dann echtes Coaching: Nicht möglichst schnell Antworten zu finden oder
vorschnell zu entscheiden, ob die Rolle oder die Person "das Problem" ist. Sondern gemeinsam herauszufinden, worin die eigentliche Reibung besteht.
Erst dann lässt sich
überlegen, was sich verändern sollte – die Situation, die Perspektive oder manchmal auch beides.